Die Soziologie des Fremden vor dem Hintergrund der Herausbildung unterschiedlicher Gesellschaftsformationen
Unter Berücksichtigung der transklassischen Logik von Gotthard Günther und der Identitätstheorie von George Herbert Mead [Auszüge]

 Elke M. Geenen 


Bona fide

“Palmström geht durch eine fremde Stadt ...
Lieber Gott, so denkt er, welch ein Regen!
Und er spannt den Schirm auf, den er hat.
Doch am Himmel tut sich nichts bewegen,
und kein Windhauch rührt ein Blatt.
Gleichwohl darf man jenen Argwohn hegen.
Denn das Pflaster, über das er wandelt,
ist vom Magistrat voll List — gesprenkelt.
Bona fide hat der Gast gehandelt.”

Christian Morgenstern(1)

 

Fragestellung

Den Pfaden Georg Simmels bei seiner Analyse des Fremden und der Soziologie des Raumes, in die sein kleiner Exkurs eingebunden ist, folgend wird deutlich, daß es gerade diese Fremden sind, die an den Nahtstellen der Herausbildung neuer Gesellschafts­formationen stehen können. Das Prinzip der wandernden Richter ist ein Übergangsphänomen, bis sich Institutionen herausbilden, denen die Kraft innewohnt, dieses Prinzip in abstracto zu repräsentieren (sowie dasjenige, was durch das Wandern eines einzelnen ansatzweise erreicht werden kann) und eine Gleichmäßigkeit in der Rechtsprechung zu einem zentralen Moment ihres funktionalen Ausgerichtetseins erheben zu können. Gerade Simmels Beobachtungen dieser Übergangsphänomene und Figuren können dazu beitragen, die Erstarrung der theoretischen Konzepte über die gesellschaftlichen Formationen gegeneinander und die Frage, wie Gesellschaften von einer Formation in die nächste gelangen können, ansatzweise zu denken. Für diese Fragen wird noch vieles an Forschungsarbeit zu leisten sein, wodurch diese gedankliche Lücke überwunden werden kann.

Einen weiteren wesentlichen Denkanstoß liefert das Modell FAKKEL von Lars Clausen, in dem aufgezeigt wird, daß Gesellschaften durch eine Reihe von Stadien und manchmal durch viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte in Katastrophen hineinlaufen und aus diesen auch wieder Wege finden, daß es jedoch über bestimmte Impulse, z. B. reformatorische Lösungen, wieder Wege zurück, von einem späteren zu einem davorliegenden Stadium gibt. Dies hat dazu beigetragen, die Differenzierungstheorien von Tenbruck und Luhmann daraufhin zu durchdenken, welche Dynamisierungsmöglichkeiten sich anbieten, um etwa eine Entwicklung von Gesellschaften erklären zu können, wie diejenige, die in den Nationalsozialismus hineinführte und die keineswegs als Zugewinn an funktionaler Differenzierung der Gesamtgesellschaft eingeschätzt werden kann. Erklärt man sie jedoch zu einem Zeitalter der Barbarei, so ergibt sich daraus das Problem, es könne sich um ein Ausnahmephänomen in einer ansonsten kontinuierlich zu denkenden Entwicklung handeln. Eine Dynamisierung der Differenzierungstheorie ermöglicht es demgegenüber, diesen Prozeß als eine retrograde Entwicklung zu deuten, deren Gründe wiederum darin verortbar werden, wie über die Ausgestaltung und Codierung des politischen Systems auch die übrigen Funktionssysteme in eine stratifikatorische Dominanz umcodiert wurden.

Befunde wie die insulare funktionale Differenzierung im Fach Geologie während der Zeit des Nationalsozialismus zeigen schließlich auf, daß eine Perspektive, die Gesellschaften als ausschließlich dominiert von einem Differenzierungsprinzip betrachtet, zu einfach und undifferenziert ist und es überdies so erscheinen läßt, als habe in dieser Phase im Inneren des Systems kein Handlungspotential bestanden. Zugleich wird verdeutlicht, daß es zwar die jeweiligen Gesellschaften dominierende Differenzierungsformen gibt, diese jedoch nicht die gesamte Gesellschaft überformen. Vielmehr finden sich unter einem dominierenden Differenzierungsprinzip zahlreiche Einheiten, die anderen Differenzierungsformen zuzurechnen sind, die sich jedoch nicht in Erstarrung, sondern sich, durch die Menschen, die ihnen angehören, in steter Bewegung befinden. Schließlich kann gerade die Bewegung in diesen Einheiten auch in den Umschlag der gesamten Differenzierungsform münden. Auch hier kann in dieser Arbeit nur ein erster Zugriff und eine erste Skizzierung dieser Fragen erfolgen und es wird späteren Forschungen vorbehalten sein, die Wechselwirkungen zwischen den Einheiten unterhalb der dominierenden Differenzierungsform und diejenige zwischen den Einheiten und der gesamtgesellschaftlichen Differenzierungsform im einzelnen näher zu prüfen.

Diese Frage der Dynamisierungsformen stellte sich für das Thema mit besonderer Dringlichkeit, weil sich der soziale Umgang mit Fremden und die Definition dessen, was für fremd gehalten wird, in keiner der drei Gesellschaftsformationen einheitlichen Regeln zuordnen läßt. Weder werden Fremde in allen segmentären noch in allen stratifikatorischen noch in allen funktional differenzierten Gesellschaften nach sich in der jeweiligen Gesellschaftsformation stets gleichenden Prinzipien gestaltet. Vielmehr läßt sich in einer Gesellschaft, die einem dominierenden Differenzierungsprinzip zugeordnet werden kann, ein in ihren Teilbereichen divergierender Umgang mit dem Fremden feststellen. Eben dies wird erklärbar, wenn wir die Vorstellung fallen lassen, daß die gesamte Gesellschaft einem einheitlichen Differenzierungsprinzip zugeordnet werden kann.

Nun bleibt jedoch zu fragen, welcher Logik der Umgang mit dem Fremden folgt. Dies war mit einer klassischen zweiwertigen Logik nicht leistbar. Die transklassische Logik ermöglicht es jedoch, zu prüfen, welche sozialen Einheiten einer Gesellschaft welcher Denk- und Handlungslogik folgen. Daraus ergab sich, daß dem Umgang mit dem Fremden und der sozialen Konstruktion des Fremden je Differenzierungsform idealtypisch eine Handlungslogik zugeordnet werden kann, so der segmentären eine einwertige, der stratifizierten eine zweiwertige und der funktionalen Differenzierungsform schließlich eine mehrwertige Logik. Diese Handlungslogik ist auf der Ebene von Organisationen und Systemen beobachtbar.

Aber, um eine Logik sein zu können, muß sie auch individuellem Handeln zugrunde liegen, denn dieses ist es ja, welches die Ausgestaltung von Gesellschaften schafft. Der Weg in das Individuum hinein, und die Frage, wovon es abhängen könnte, daß dem Denken und Handeln von Individuen eine unterschiedliche Logik zugrunde liegt, führte schließlich zur Identitätstheorie von George Herbert Mead. Denn dieser sieht im Selbst den “Generalisierten Anderen” und damit die Gesamtgesellschaft, jedoch auch die spezifischen Einheiten, in denen sich das Individuum bewegt, repräsentiert. Der Umfang und die Ausrichtung dieses Generalisierten Anderen wirken schließlich darauf, welche Handlungslogik dem Individuum verfügbar ist und welche es anzuwenden Willens ist. Das “I” schließlich, als Repräsentation des Selbst in der Gegenwart und als diejenige Instanz, die die Interaktion mit der Welt aufnimmt, ist derjenige Ort, an dem diejenigen Linien, die durch Kommunikation nach außen strömen, und diejenigen, in denen ein Anderer dem inneren “Me”, der Repräsentation der Anderen im Selbst, zugesellt werden kann, sich kreuzen. Das “I” ist es auch, welches die Entscheidungsinstanz über das nach innen und nach außen Gelangende darstellt und über die Form, in der dies jeweils geschieht.

Über die Konstruktion des Selbst nach Mead sind Subjekt und soziale Welt in der Regel unauslöschlich miteinander verbunden und damit auch die sozialen Konstruktionen und die Logik, die dem Handeln des Individuums zugrunde liegt. Ähnliches gilt für das Handeln in Organisationen und Systemen. Dieses gesellschaftliche Gesamtgefüge befindet sich, vermittelt über die Identität der Individuen, in einem steten und wechselseitigen Austausch, der eben auch entscheidend mit dazu beiträgt, welche sozialen Konstruktionen des Fremden und welcher Umgang mit ihm jeweils in der Gesamtgesellschaft wie auch in den Funktionssystemen, den Organisationen und anderen sozialen Einheiten dominiert und welche anderen Konstruktionen daneben noch auffindbar sind. Schließlich wäre zu überlegen, ob der soziale Umgang mit dem Fremden und die diesem jeweils zugrundeliegende Logik eine jener Leitdifferenzen sein kann, anhand derer Differenzierungsformen voneinander unterschieden werden können. Diese Überlegungen und Zusammenhänge aufzuzeigen, soll im folgenden angestrebt werden.

Nicht zuletzt ist zu den Ursachen des Wechsels von Differenzierungsformen und zur Bedeutung des Fremden in diesen Phasen noch viel Forschung zu leisten. Auch Fragen nach aktuellen Formen des Rechtsextremismus oder der Fremdenfeindlichkeit können im Rahmen der Theorieprüfung neu aufgerollt werden.

1. Aus: Christian Morgenstern, Gedichte - Verse - Sprüche, Lechner Verlag, Limassol (Cyprus) 1993, S. 82.

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Last modified: 05.08.2005
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