Die Soziologie des Fremden vor dem Hintergrund der Herausbildung unterschiedlicher Gesellschaftsformationen
Unter Berücksichtigung der transklassischen Logik von Gotthard Günther und der Identitätstheorie von George Herbert Mead [Auszüge]

 Elke M. Geenen 



“Es ist eine menschliche Angewohnheit, sooft man
zwischen zwei Dingen irgendeine Ähnlichkeit bemerkt,
über jedes von beiden auszusagen, was man nur für eines
von ihnen wahr gefunden hat, selbst da, wo beide verschieden sind”

René Descartes(1)

Begriffe des Fremden
und Strategien der Typisierung

Unter dem Begriff fremd, aber auch des Fremden versammelt sich Vielgestaltiges. In unserer Alltagswelt bezeichnen wir als fremd dasjenige, was wir (noch) nicht kennen, nicht einsortieren können, für das wir noch keinen Begriff haben oder das wir noch keinem der alltäglich verfügbaren Begriffe zuordnen können. Fremde können diejenigen sein, mit denen wir nicht bekannt oder vertraut sind, die wir noch nie getroffen haben, über die wir jedoch auch nicht unerhebliche biographische Informationen besitzen (vgl. Lofland 1973, S. 17). Begegnen uns fremde Gerüche, so deckt sich hier der Begriff weitgehend mit dem Adjektiv exotisch. Finden wir jedoch etwas befremdlich, so wollen wir damit zum Ausdruck bringen, daß wir es ablehnen. Kinder “fremdeln”, wenn ihnen eine Umgebung unvertraut ist. Sie wollen zudem Geschichten mit den gleichen Worten wiederholt hören, weil sie ihnen nur auf diese Weise zu Realität werden (vgl. Landmann 1975, S. 181). (Ehe-)Partner gehen fremd, wenn sie neben ihrer dauerhaften, als bindend angesehenen Beziehung noch (eine) andere kurz- oder längerfristige sexuelle Beziehung eingehen. Etwas erscheint uns fremd und wir meinen damit, daß es fremd sein könnte, daß es sich aber auch um etwas Vertrautes handeln könnte, mit dessen unvertrauter Seite wir uns konfrontiert sehen. Als fremd bezeichnen wir komplexe Phänomene wie Kulturen oder Subkulturen, die uns unbekannt sind und zu denen wir keinen Zugang haben. Bereits an diesem Beispiel wird die doppelgesichtige Verwendung des Wortes “fremd” deutlich. Die Kulturen können uns noch unbekannt sein, oder aber sie bleiben uns — trotz Annäherungsversuchen — fremd. Auf Menschen bezogen ist ähnliches beobachtbar: ein Mensch kann uns fremd sein, weil wir ihn (noch) nicht kennen oder er ist uns fremd in dem Sinne, daß wir zu ihm keinen Zugang finden können. Es geht hier also um aufhebbare bzw. im letzten Fall um nicht aufhebbare soziale Distanzen. Die Begriffe fremd oder Fremdheit werden auch verwendet, um die Einsamkeit und Isoliertheit eines Menschen auszudrücken (vgl. Lofland 1973, S. 17). Jedoch wird der Begriff “Fremder” auch benutzt, um auf Unterschiede von Personen im Verhältnis zu einer etablierten Gruppe hinzuweisen, wobei letztere die Referenz bildet, so wenn etwa von Juden als Fremden in einer von Christen dominierten Gemeinde gesprochen wird, so im alten Testament, wenn mit dem Begriff Fremder jemand bezeichnet wurde, der kein Jude war und nicht den religiösen Glauben und die Rituale der Juden teilte (vgl. Lofland 1973, S. 17 f.).

Im Alltagsdenken sind die Begriffe “fremd” und der “Fremde” relationale Begriffe (vgl. Hahn 1994, S. 140), insofern als der diese Begriffe Verwendende andere Individuen, Objekte oder Kollektive in Relation zu sich selbst betrachtet. Jedoch kann sich, sofern das Fremde im Alltag als unveränderliche Größe betrachtet wird, auch eine absolute Perspektive einstellen. Hierin ist vermutlich der größte Unterschied zu einer wissenschaftlichen Betrachtung zu sehen, entsprechend der das Fremde immer nur relational zu denken ist. Diese absolute Perspektive wird besonders im Science Fiction-Genre deutlich, in dem der “alien” für das Unzugängliche steht, wobei das Unzugängliche mit dem Feindlichen gleichgesetzt wird, und die feindliche “Annäherung” die einzig mögliche zu sein scheint.

Was im Alltag als fremd bezeichnet wird, ist unhinterfragt. Ähnlich ist es, wenn von Fremden gesprochen wird. Jedoch ist hier eine scharfe Grenzlinie zwischen einzelnen, die als Fremde bezeichnet werden und Personengruppen, die Fremde genannt werden, zu verzeichnen. Der einzelne Fremde kann irgendeine Person sein, die einer anderen Person unbekannt ist. Wird von den Fremden gesprochen, so werden damit eher Personengruppen klassifiziert. “Die Fremden” werden Kollektiven zugeordnet, genauer, aus ihnen werden Kollektive konstruiert, etwa Personen einer bestimmten Nationalität, Rasse oder Region (vgl. zur Darstellung des Fremden von Alfred Schütz Abschnitt 2.2). In bezug auf die soziale Wahrnehmung ist von Interesse, wann Personen als Angehörige oder Vertreter von Kollektiven und wann als einzelne Fremde wahrgenommen werden. Ihre Zuordnung zu Kollektiven kann auch im Kontext einer Herausbildung von Vorurteilen analysiert werden.

Wenden wir uns dem Begriff fremd zu, so zeigt sich, daß dieser insbesondere etymologisch nicht wertneutral ist. Das Adjektiv fremd leitet sich von dem im Neuhochdeutschen untergegangen Adverb “fram” ab, was der Bedeutung “vorwärts, weiter; von-weg” und ursprünglich “entfernt”, dann “unbekannt, unvertraut” entspricht (vgl. Duden Etymologie 1963, S. 184.). Es steht damit im Gegensatz zum Vertrauten, Bekannten und Nahen und kann Ängste und ein Gefühl des Bedrohtseins hervorrufen.

Die Begriffe fremd, Fremder, Fremdheit etc. erscheinen unveränderliche und feststehende, wenn auch vage Bedeutungshorizonte mit sich zu führen. Bereits die etymologische Bedeutungsveränderung verweist jedoch darauf, daß die Sinnwelten, in denen diese Begriffe Verwendung finden, einem Wandel unterliegen, der auch die Bedeutungshorizonte betrifft.

Lofland definiert den Fremden (“stranger”) als jede Person, die aus der Perspektive des Akteurs ihm persönlich unbekannt ist. Nahezu alle Menschen bleiben dem einzelnen persönlich unbekannt. In bezug auf die Personen, über die man lediglich ein kategoriales Wissen besitzt (vgl. Abschnitt 2.2 zu Schütz), spricht Lofland von Fremden, wobei die Linie zwischen Fremdem und persönlich Bekanntem fließend ist und sich laufend verschieben kann. Wenn zwei einander unbekannte Personen aneinander vorbeigehen, nimmt für einen Moment jeder den anderen als konkretes Individuum wahr, als ein historisches Ereignis. D. h., für diesen Moment geht die Kenntnis des einen über den anderen über eine bloß kategoriale hinaus. “A stranger is anyone personally unknown to the actor of reference, but visually available to him” (Lofland 1973, S. 18).

Personengruppen, die in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft als Fremde kategorisiert werden, haben wesentlich geringere Chancen als die Einheimischen oder Inkludierten, gesamtgesellschaftlich institutionenbildend zu wirken, da sie allenfalls “Teilgenossen” sind (vgl. Simmel 1992a, S. 700 f.). Unter Umständen können sie jedoch innerhalb ihrer eigenen ethnischen oder nationalen Gruppe die Basis für die Herausbildung von Institutionen legen (z. B. durch Gründung einer deutschen Schule oder eines Goethe-Instituts in der Türkei, den USA, Frankreich etc.).

Münkler und Ladwig bezeichnen in ihrer Einleitung zu dem Sammelband “Facetten der Fremdheit” Fremdheit als “ein Beziehungsprädikat je eines Subjekts. Die Feststellung, daß du mir fremd bist, impliziert daher nicht den Umkehrschluß, auch ich sei dir fremd” (Münkler und Ladwig 1997, S. 12). Diese Erkenntnis findet sich — bezogen auf das Verhältnis zwischen Individuum und Gruppe — bereits in Simmels Soziologie des Raumes: “Aus dieser Formung kann gelegentlich eine Tragik erwachsen, wenn zwar die Gruppe das Maß begrenzt, in dem sie ein Individuum sich zurechnet, innerhalb dieses letzteren aber keine entsprechende Begrenzung stattfindet, sondern es sich von sich aus ganz dahin gehörig fühlt, wo ihm nur eine partielle Zugehörigkeit eingeräumt wird” (Simmel 1992, S. 700).

Das Wort “Fremdheit” biete besonders viele Freiheitsgrade für die Definition von Beziehungen, weil die allgemeinen Regeln seiner Verwendung sehr unscharf seien. “Der Fremde” sei “unter identifikatorischen Gesichtspunkten unspezifischer als 'der Ausländer'” (Münkler und Ladwig 1997, S. 15). Der Mangel an Bestimmtheit führe zugleich dazu, daß es eine breite Palette an Möglichkeiten zur Spezifikation von Bedeutungen gebe. “Der semantische Gehalt eines Wortes wird in Sprechsituationen spezifiziert” und bei dem Begriff “Fremdheit” ergäben sich besonders viele Optionen für den flexiblen Gebrauch. “Seine allgemeinen Verwendungsregeln enthalten nur schwache Vorgaben für die Beschreibung und Bewertung von Relationen” (Münkler und Ladwig 1997, S. 15).

Zu konstatieren ist, daß sich Münkler und Ladwig hier ausschließlich auf den Umgang mit den Begriffen “der Fremde” und “Fremdheit” in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften und auch dort nur auf die funktional ausdifferenzierten Bereiche beziehen. Die Begrifflichkeit kann in dörflichen Gemeinschaften, die als primär segmentär eingestuft werden können (vgl. Abschnitt 4.6.1), oder in stratifizierten Gesellschaften eine ganz andere und nicht lediglich durch Sprechakte und spezifische Situationen bestimmte sein. Um sich der Thematik anzunähern, ist es daher zunächst erforderlich, zu klären, welche Interaktionsformen in welcher Gesellschaftsformation oder anderweitig zu spezifizierenden gesellschaftlichen Konstellationen zugrundegelegt werden, bevor die Frage der Begrifflichkeit klärbar ist.

Nach Münkler und Ladwig gibt es “Fremdheit ... nicht unabhängig von der sprachlichen Bezugnahme auf Fremdheit, nicht einmal als notwendige Unterstellung. Das liegt wiederum am grundsätzlich relationalen Charakter von Fremdheit” (Münkler und Ladwig 1997, S. 14). Fremdheit sei ein indexikalischer (verwendungsrelativer) Ausdruck (vgl. Münkler und Ladwig 1997, S. 14). Fremdheit sei insofern relational, als etwas nur in dem Fall als fremd bezeichnet würde, wenn wir mit dem so Bezeichneten in einer unterstellten oder realen Beziehung befindlich wären. Münkler und Ladwig beziehen sich in diesem Kontext auf Simmel, der herausgestellt hat, daß uns das “schlechthin Unbekannte” nicht fremd sei, so z. B. die Bewohner des Sirius (vgl. Simmel 1992, S. 765). Der Begriff Fremdheit sei auch insofern verwendungsrelativ, als ein Sprecher damit eine bestimmte Haltung zum Ausdruck bringe. Alois Hahn schließt sich der Einschätzung von Münkler und Ladwig an, wenn er schreibt: “Fremdheit ist keine Eigenschaft, auch kein objektives Verhältnis zweier Personen oder Gruppen, sondern die Definition einer Beziehung” (Hahn 1994, S. 140).

Genau an dieser Auffassung einer Verwendungsrelativität wird ein Problem deutlich. Die alltagssprachliche und die wissenschaftliche Verwendung der Begriffe “fremd”, “Fremder” und “Fremdheit” verschwimmen, denn wenn sie lediglich von der jeweils erfolgten Definition einer Beziehung als fremd oder vertraut abhängt, so ist der Nutzen dieser Begriffe für soziologische Untersuchungen und Analysen kaum ersichtlich. Dazu bedürfte es der Prüfung, ob die “Fremdheit” zwischen Personen oder Gruppen und die Formen, die diese Fremdheit sozial erkennbar werden lassen, nicht auch ein “objektives” Verhältnis zwischen Personen oder Gruppen reflektieren. Hierfür findet sich, werden Klassiker der Soziologie (wie Georg Simmel, Ferdinand Tönnies und Alfred Schütz) zu Rate gezogen, bereits eine Fülle von Hinweisen (vgl. die entsprechenden Abschnitte). Ein weiteres Problem der soziologischen Behandlung der Begrifflichkeit zum “Fremden” zeigt sich darin, daß, sofern nicht Klassiker wie Simmel als Referenz herangezogen werden, unklar bleibt, ob die in bezug auf die Alltagswelt beschriebene Begrifflichkeit auch in die soziologische Fachterminologie übernommen werden soll.

Prinzipiell sind verschiedene grundlegende Wege zur Definition (und Typisierung) des Fremden denkbar und in der sozialwissenschaftlichen Literatur zumindest ansatzweise vorzufinden.

Eine erste Definitionsrichtung geht vom Fremden selbst aus und sucht ihn anhand spezifischer Merkmale und Handlungsweisen zu bestimmen. In einer zweiten Richtung steht die spezifische Gruppe, in der sich der Fremde befindet oder in die er sich begibt, im Zentrum von Definition und Analyse. Dazu gehören auch theoretische Ansätze, in denen untersucht wird, wie Individuen oder soziale Gruppen den Fremden konstruieren. Davon ist eine dritte Definitions- und Analyserichtung zu unterscheiden, in der die Beziehung des Fremden zu anderen Personen oder einer Gruppe in einen Interdependenzzusammenhang gestellt wird. D. h., es wird von vornherein davon ausgegangen, daß die Definition des Fremden allgemein und des jeweils spezifischen Fremden, aber auch die des Verhältnisses des Fremden zu einer sozialen Gruppe nicht unabhängig von letzterer definiert und untersucht werden kann.

Schlüsseln wir diese prinzipiell unterschiedlichen Richtungen weiter auf, kommen wir zu mehreren, auch in der Literatur vertretenen, Perspektiven, die unter der Frage zu prüfen sind, ob und in welcher Weise sie sich zu einer Definition des Fremden eignen.

(1) Die erste geht davon aus, welche Merkmale den Fremden kennzeichnen und entsprechend, wie er typisiert werden könnte. Einer der ersten Ansätze, die in diese Richtung weisen, stammt von Robert Michels (vgl. 1925, S. 296 ff.). Eine Durchsicht seines Typisierungsversuchs läßt schon fast all die (Bindestrich-) Forschungs­richtungen erahnen, die wir heute vorfinden. Michels Typisierung erfolgt, ohne daß er die Kriterien benennt, deren er sich bei der Typisierung bedient hat.

Wir sind hier mit dem grundsätzlichen Problem solcher Typisierungen konfrontiert. Typisierungen ermöglichen es, Menschen entsprechend eines definierten Kriteriums zuzuordnen. Wenn wir z. B. den Reisenden als Fremden typisieren, so verfügen wir dabei über ein Merkmal, welches ihn zum Fremden machen kann, es jedoch nicht muß. Der Reisende könnte sich zum wiederholten Male in der Gruppe, in die er sich begibt, aufhalten oder diese aus der Lektüre diverser Schriften bereits “kennen”, so daß sie ihm nicht eigentlich fremd ist. Er kann auch feststellen, daß seine Lektüre die jeweilige Gesellschaft nicht treffend umschrieben hat, so daß sie ihm trotz gründlicher Vorbereitung auf die Reise dennoch fremd (unbekannt, unvertraut) erscheint. Auf der anderen Seite muß die Gesellschaft, in die sich der Reisende begibt, diesen nicht als “fremd” auffassen. Sie könnte mit seiner Kultur bekannt oder vertraut sein (im Sinne von Schütz), oder ihn z. B. eher als einen Feind, über den man Bescheid zu wissen glaubt, ansehen. Eine dritte Ebene hätte die Selbsteinschätzung einer Person einer spezifischen Gruppe oder Kultur gegenüber zu berücksichtigen. Hält sie sich selbst nach bestimmten Kriterien für einen Fremden in einer bestimmten Gruppe? Entnimmt diese Person die Kriterien ihrer Herkunftsgruppe oder einer weiteren Gruppe oder ihrer Wahrnehmung der Gruppe, in die sie sich begibt? Und stimmt die Selbsteinschätzung der Person mit der Einschätzung der Gruppe überein, in die sie sich begibt?

Begriffliche Anstrengungen, die in Richtung einer Typisierung verlaufen, entbehren darüber hinaus nicht einer gewissen Statik. Sie setzen einer Analyse, die den Gegenstand unter Berücksichtigung sozialer Wandlungsprozesse zu erfassen sucht, eine Starrheit entgegen. Diese Kritik zielt auf zeitpunktbezogene Typisierungen, weil letztere das Moment des Wandels unberücksichtigt lassen. Hinzu tritt, daß die Typisierungen an den Rändern unscharf sind. Der Reisende, der sich zum Bleiben entschließt, ist weder durch die Typisierung “Tourist” noch die des “Migranten” oder “Einwanderers” korrekt gefaßt.

Wie sich allein an den hier in bezug auf eine einzige Typisierungsmöglichkeit stellbaren Fragen unschwer aufzeigen läßt, ergibt sich auf der Basis von Typisierungen eine schier unendliche Fülle von Variationsmöglichkeiten. Forscher, die den Fremden aus typisierender Perspektive in den Blick nehmen, müssen daher zu dem Schluß kommen, daß der Begriff des Fremden relativ und relational ist.

(2) Einige dieser Klippen werden umschifft, wenn wir uns einer zweiten Perspektive auf den Fremden zuwenden, die z. B. in der phänomenologischen Theorie von Alfred Schütz verfolgt wird. Schütz untersucht die Ankunft des Fremden in einer homogenen sozialen Gruppe (vgl. Abschnitt 2.2). Im Kern der Untersuchung steht der Wandel, den der Fremde in der Annäherung an die Gruppe durchläuft. Das Defizit dieses Ansatzes besteht insbesondere darin, daß er als Einheiten Gruppe und Fremden einander konfrontiert. Wir haben es hier genau mit dem Problem zu tun, welches sich ergibt, wenn wir Individuum und Gesellschaft voneinander analytisch trennen. Die Veränderung der sozialen Gruppe durch den Fremden kann in der Perspektive von Schütz nicht in den analytischen Blick genommen werden. Die Folge ist, daß die Machtbalancen und die je spezifischen Machtdifferentiale zwischen Fremdem und der sozialen Gruppe, in die er sich begibt, oder in der er lebt, ausgeblendet bleiben. Dies ist dann vertretbar, wenn wir die Veränderung der Machtbalancen durch den Fremden zu rekonstruieren suchen. Dann kann zunächst eine Situation (re)konstruiert werden, in der der Fremde noch nicht eingetroffen war, und es können die Machtbalancen in dieser Situation analysiert werden, um dann die Machtbalancen und Machtdifferentiale nach Eintreffen des Fremden (oder auch nach einer Konstruktion vom Menschen als Fremden durch die Gesellschaft) zu analysieren. Hieraus läßt sich dann (re)konstruieren, wie sich die soziale Figuration durch eine Erweiterung um den Fremden verändert.

(3) Eine dritte Richtung nimmt ihren Ausgangspunkt nicht darin, was den Fremden spezifisch kennzeichnet, sondern darin, wie eine soziale Gruppe sich und andere sozial konstruiert. Hier wäre als ein Vordenker in dieser Richtung insbesondere Max Weber zu nennen, der in dem Abschnitt über “Ethnische Gemeinschaftsbildungen” (vgl. 1976, S. 234 - 44) hervorhebt, in welcher Weise ethnische Gemeinschaften das ihnen Gemeinsame sozial konstruieren, aber auch dasjenige, was sie von anderen einzelnen oder sozialen Gruppen unterscheidet. Das, was als fremd angesehen wird, ergibt sich aus den Definitions- und Konstruktionsprozessen sozialer Gruppen. Sofern diese Gruppen die Majorität bilden, verfügen sie über (gesteigerte) Definitionsmacht.

(4) Eine weitere soziologische Klassifizierung geht von der spezifischen sozialen Situation aus, in der sich der Fremde befindet, z. B. die Diaspora, die Grenzsituation (der Grenzgänger), der Heimkehrer. Diese Klassifizierung ist, wie bereits Simmel in seiner Soziologie des Raumes gezeigt hat, für die Theoriebildung von Relevanz, weil sich z. B. in der Diaspora Kristallisationskerne für engere soziale Beziehungen und Identitätsbildungen der in Diaspora Lebenden (z. B. christlichen Gemeinden) entwickeln können und die Machtbalance zwischen den in Diaspora Lebenden und der Majorität, je nach Kombination beider Gruppen, sehr unterschiedlich gestaltet sein kann (vgl. Abschnitt 4.4). Andererseits ist eine Klassifikation, die von der spezifischen sozialen Situation ausgeht, in der Fremde in einer Gesellschaft leben, theoretisch zunächst unspezifisch, da dieser Umstand allein noch nichts über die Figuration, die die Fremden mit der Gruppe bilden, in der sie leben oder mit der sie interagieren, aussagt.

(5) An den Beginn einer weiteren Perspektive auf den Fremden können insbesondere einige von Georg Simmels Ansätzen zu einer Soziologie des Fremden gestellt werden. Insbesondere in seinem “Exkurs über den Fremden” versucht Simmel, den Fremden über sein Handeln bezogen auf eine soziale Gruppe zu definieren: Er ist dann jener, welcher “heute kommt und morgen bleibt” (Simmel 1992b, S. 764) und in seiner Soziologie des Raumes sind Fremde auch diejenigen, “die heute kamen und morgen gingen” (Simmel 1992a, S. 754 f.). Mit diesen Ansätzen sucht Simmel von vornherein, den Fremden in Relation zu sozialen Gruppen zu setzen. In der Soziologie des Raumes (vgl. erneut Abschnitt 4.4) unterscheidet er dementsprechend soziale Gruppen und ihre Bewegung bzw. ihr Verharren im Raum und die Frage, ob die Gruppe als ganze wandert bzw. ob einzelne wandern, während die Gruppe ansässig ist, und wie sich die Relation zwischen beiden entwickelt. Durch dieses Verfahren wird der Fremde nicht entsprechend bestimmter ihn (vermeintlich) charakterisierender Eigenschaften typisiert — und damit aus einer von Alltagsbeobachtungen und Alltagstheorien ausgehenden wissenschaftlichen Perspektive — sondern, indem er in Relation zu einer sozialen Gruppe und ihrem Handeln bestimmt wird. So interessiert Simmel nicht die Perspektive des Wandernden als solchem, sondern die Bedeutung des Wanderns und des Wandernden in einer Konstellation, die durch einen bestimmten Grad der Ausdifferenzierung des Gruppenlebens gekennzeichnet ist. Simmel unterläuft daher auch keine statische Definition des Fremden. Eng verbunden mit dem Begriff des Fremden sehen wir daher bei Simmel sein Konzept sozialer Wechselwirkung. Der Begriff der Wechselwirkung bleibt jedoch bei Simmel unausgefüllt.

Auf der anderen Seite gibt es kulturelle Bewältigungsmuster, die ebenfalls ausdifferenziert sind und dazu führen, daß viel Fremdes gar nicht mehr als Problem gesehen wird und gesehen werden muß. Dies könnte ein Grund dafür sein, daß die soziologische Theorie das Fremde häufig punktuell wahrnimmt. Wenn in einem Bereich die Fremdheit schneller wächst als die kulturellen Bewältigungsmuster, kann dies zu einer Schieflage in der Theorie führen, wenn die Fremdheit, mit der man umgehen kann, nicht mehr als solche erkannt und benannt wird und die soziologische Theorie des Fremden in der Konsequenz dazu neigt, eine Theorie des unbewältigten Fremdseins zu betreiben, also eine “halbierte” Theorie des Fremden.

In der formalen Bestimmung des Fremden wird im folgenden auf die Variable Exklusion bzw. Inklusion als Zweiseitenform zurückgegriffen (vgl. Abschnitt 4.3). Sie ermöglicht es, relativ trennscharf Schließungsprozesse gegenüber Fremden, jedoch auch Inklusionsformen soziologisch zu fassen. In Verbindung mit der transklassischen Logik von Gotthard Günther lassen sich dann abhängig von der dominanten Form sozialer Differenzierung, aber auch von sozialen Strukturen im Inneren und an den Außengrenzen von Gesellschaften, jeweils die vorherrschenden Formen von Inklusion und Exklusion unterscheiden.

1. Descartes (1997), Descartes. Ausgewählt und vorgestellt von Stephan Meier-Oeser, Diedrichs, München 1997, hier: 1. Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft (Regulae ad directionem ingenii, 1620[?]-1628[?], Regel 1, S. 53.

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