Die Soziologie des Fremden vor dem Hintergrund der Herausbildung unterschiedlicher Gesellschaftsformationen
Unter Berücksichtigung der transklassischen Logik von Gotthard Günther und der Identitätstheorie von George Herbert Mead [Auszüge]

 Elke M. Geenen 



“Freilich könnte ich mich täuschen,
vielleicht ist es nur ein wenig Kupfer und Glas,
was ich für Gold und Diamanten halte"

René Descartes(1)    


Auf dem Weg
zu einer soziologischen Theorie
des Fremden

In dieser Arbeit wird ein Theorierahmen entwickelt, innerhalb dessen der bzw. das Fremde verortbar und analysierbar werden kann. Dazu bedarf es der Heranziehung bereits in ihren Grundzügen vorliegender soziologischer theoretischer Konzeptionen und einer Theorie der Logik, die es ermöglichen sollen, einzelmenschliche, gemeinschaftliche und gesellschaftliche Denk- und Handlungsprozesse, die für die Frage der Analyse des Fremden von Relevanz sind, adäquat zu behandeln.

Zunächst bedarf es einer Klärung der Zuweisung logischer Stellen in bezug auf die Soziologie des Fremden, sonst werden soziale Phänomene und gesellschaftliche Prozesse einander gleichgesetzt, die unter dem Gesichtspunkt ihrer Verortung innerhalb der Logik — d. h. der logischen Prinzipien, die einzelmenschlichem und sozialem Denken und Handeln zugrunde liegen — als prinzipiell unterschiedlich beurteilt werden müßten, und solche als verschieden voneinander beurteilt, deren Einordnung über Kriterien der Logik ihre Gleichheit ergeben würde. Um eine dem Untersuchungsgegenstand angemessene logische Behandlung zu gewährleisten, ist es daher notwendig, zunächst die Argumente der Logik zu entfalten, bevor diese wiederum auf den Untersuchungsgegenstand, also den bzw. das Fremde, angewendet werden können. Hierzu beziehe ich mich auf die von Gotthard Günther entwickelte transklassische Logik (vgl. Günther 1979, 1979a, 1979b, 1980a, 1980b), weil er zum einen die Probleme der klassischen zweiwertigen Logik präzise herausgearbeitet hat, und zum zweiten, weil er das Modell einer mehrwertigen Logik entfaltet hat, welches die grundlegenden, in Ansätzen bereits von Aristoteles gesehenen Probleme der klassischen Logik in befriedigender Weise zu lösen weiß. In die Darstellung der Günther-Logik und ihres philosophischen Fundamentes wird eine aus soziologischer Sicht notwendige Kritik der Günther-Logik eingebettet. Die theoretische Konsequenz dieser Kritik, die im wesentlichen darin besteht,

daß Günthers logisches Konzept soziologisch unausgefüllt ist, und daher nur einen möglichen Fall einer transklassischen Logik berücksichtigt, die Formalisierung dieser Logik daher vollständig überarbeitet werden muß,

mündet in die Forderung nach einer Theorie, mit deren Hilfe das Subjektzentrum soziologisch analysiert werden kann, und zwar

Die Ausfüllung beider soziologischer Leerstellen in der Günther-Logik leistet die Identitätstheorie von George Herbert Mead, wie ich in einem späteren Kapitel herausarbeite (vgl. Abschnitt 4.2), in dem ich die für die soziologische Ausfüllung der Günther-Logik zentralen Gedanken Meads entfalte. Kern des von Mead für diese Ausfüllung relevanten Theoriegedankens ist seine Identitätstheorie, die zugleich die Brücke bildet, mittels derer die Theorien sozialer Differenzierung (vgl. Abschnitt 4.6)

erfolgen kann.

Ein weiterer Schritt beinhaltet die Darstellung der prinzipiellen Bedeutung für Gemeinschaften und Gesellschaften. Denn die symbolische Ordnung, die den analysierbaren Bereich von Kulturen repräsentiert, beinhaltet auch Verweise auf den Fremden. Oder — in der Terminologie Niklas Luhmanns — als Zweiseitenform betrachtet: Es ist analytisch von ebenso großer Bedeutung, welche Verweise fehlen.

Erst nach diesen Schritten, zu denen auch eine Darstellung, Kritik und erste Ansätze einer Dynamisierung der Differenzierungstheorie (vgl. Abschnitt 4.6) gehören, die insbesondere die zumindest partielle Ablösung der Differenzierungstheorie von ihrer historischen Verwurzelung beinhaltet, kann eine soziologische Theorie des Fremden entfaltet werden. Die Basis dieser Theorie bildet die Zwei-Seiten-Form von Niklas Luhmann, anhand derer die Differenz Inklusion vs. Exklusion herausgearbeitet werden kann (vgl. Abschnitt 4.3). Diese Differenz bildet das analytische Instrument, welches wiederum auf die dynamisierte Differenzierungstheorie zurückbezogen und mit der Identitätstheorie von Mead in Beziehung gesetzt wird. Dieses Vorgehen ermöglicht es, über eine Analyse der Positionierung des Fremden in unterschiedlichen Gesellschaftsformationen bzw. ihrer Teileinheiten hinausgehend, die Frage des Fremden bis in die Subjekte selbst hinein soziologisch zu untersuchen. So werden selbst Prozesse der Entfremdung (vgl. Hahn 1994) dadurch analysierbar, daß untersucht werden kann, ob und in welchem Umfang der andere als Verallgemeinerter oder Signifikanter Anderer aus dem “Me” des Subjektes (Mead) exkludiert bzw. darin inkludiert wird.

In den Differenzierungstheorien von Tenbruck und Luhmann wird davon ausgegangen, daß segmentäre, stratifizierte und funktional differenzierte Gesellschaftsformationen aufeinander folgen. Zwar betont Luhmann, daß es sich hierbei nicht um eine Abfolge im evolutionistischen Sinne handele, jedoch wird in keiner der beiden Konzeptionen der Differenzierungstheorie auch nur ansatzweise diskutiert, daß es auch Wege 'zurück', d. h. z. B. Wege von der funktional differenzierten zur stratifizierten oder von der stratifizierten zur segmentären oder gar von der funktional differenzierten zur segmentären Gesellschaft geben kann. Des weiteren bleibt weitgehend außerhalb der Betrachtung, daß in jeder dieser drei Gesellschaftsformationen auch Elemente oder Einheiten der beiden anderen vorgefunden werden können. Es sind jedoch theoretisch folgende Kombinationen möglich und denkbar:

Diese drei Hauptformen können entsprechend bestimmter Kriterien, die von Tenbruck und Luhmann herausgearbeitet wurden, diagnostiziert werden und werden als dominante Formen sozialer Differenzierung einer Gesellschaft betrachtet. Zudem kann über die Analyse und Gewichtung der Logik, der die Gesamtgesellschaft unterliegt, darauf geschlossen werden, welche Differenzierungsform dominiert. Auch die in sie eingebetteten Formen lassen sich entsprechend soziologischer, differenzierungs­theoretischer Kriterien entschlüsseln, insbesondere bei Zugrundelegung der logischen Struktur, die den Kern des Handelns der Menschen, die in ihnen agieren, ausmacht. Zentral ist nun, daß weder die dominierende Differenzierungsform noch die in ihr enthaltenen Einheiten, die einer anderen Logik der Differenzierung unterliegen, Bestand haben müssen, daß vielmehr zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort, prograde und retrograde (diese Begriffe sind neutraler als progressiv und regressiv) Wandlungsprozesse ablaufen können, die zu einem Wechsel der jeweils dominierenden Differenzierungsform, aber auch zu solchen der in ihnen entsprechend einer anderen Differenzierungsform operierenden Einheiten, führen können. Jedoch sind diese Wandlungen in den Differenzierungsformen und die Gründe für solche Entwicklungen keineswegs beliebig. Daher wird an einigen, auch historischen, Beispielen aufgezeigt, welche Prozesse welche Wandlungspfade nach sich ziehen können. Der jeweilige Umgang mit dem Fremden kann als eine Leitunterscheidung dafür dienen, welche Differenzierungsform in einer Gesellschaft zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt dominiert, aber auch dafür, welche anderen Differenzierungsformen von Individuen oder Gruppen sich unter dem Dach einer dominierenden Differenzierungsform auffinden lassen.

Der Fremde kann deshalb als Leitunterscheidung für die jeweils vorherrschende, in Substrukturen oder bei Individuen vorfindbare Differenzierungsform des Denkens und Handelns dienen, da dem Umgang mit dem Fremden eine logische Wertigkeit zugeordnet werden kann. Der segmentären Haltung gegenüber dem Fremden kommt eine einwertige, der stratifizierenden Haltung eine zweiwertige und der funktional differenzierten Haltung gegenüber dem Fremden eine polykontexturelle Wertigkeit des Denkens und Handelns zu. Insbesondere für segmentäre und stratifizierte Gesellschaften wird dies beispielhaft an Homers Odyssee verdeutlicht, für stratifizierte und funktional differenzierte Gesellschaften an einem Beispiel aus der Wissenschaftsgeschichte im Nationalsozialismus. Alle drei hier genannten Wertigkeiten können auch in den Subjektzentren vorgefunden werden, indem dem Denken und Handeln von Subjekten in Gesellschaften aller drei o. g. Differenzierungsformen Ein-, Zwei- oder Mehrwertigkeit zugesprochen werden kann. Auch dies wird wiederum daran deutlich, welche Haltung Individuen gegenüber dem Fremden einnehmen. Diese Haltung ist Resultat einer bestimmten Identität. Sie resultiert daraus, wie umfassend der 'Generalisierte Andere', d. h., das 'Me' des einzelnen Individuums, ist und inwieweit das Subjekt über ein kreatives 'I' verfügt, um das 'Me' anzureichern und mit ihm in einen inneren Dialog zu treten.

Die hier vorgestellte Theorie des Fremden kann einen weiter gespannten Rahmen bilden, innerhalb dessen sehr unterschiedliche soziologische Fragestellungen in bezug auf den Fremden verortbar und analysierbar werden. Die Möglichkeiten zur Nutzung dieser “Rahmentheorie”, innerhalb derer adäquat (im Sinne Krysmanskis) Fragen des Fremden, d. h. der Zwei-Seiten-Form Inklusion vs. Exklusion in unterschiedlichen Gesellschaften und Gesellschaftsformationen analysierbar sein sollen, können hier nur exemplarisch(2) aufgezeigt werden und bedürfen — auch zur Prüfung der Tragfähigkeit des Theorierahmens und möglicher Erweiterungsnotwendigkeiten — weitergehender empirischer Untersuchungen und der Prüfung vorhandener Studien auf ihre Kompatibilität mit meiner Theoriekonzeption.

Eine Anschlußmöglichkeit an die hier vorgestellte Theorie bietet das FAKKEL-Modell von Lars Clausen (1983), einerseits, weil Katastrophen auf das Muster der Strukturierung der Gesellschaftsordnung (d. h. auf das Prinzip sozialer Differenzierung zurückwirken, umgekehrt auch, weil sich aus einem Muster sozialer Differenzierung auch bestimmte Gefährdungspotentiale aufbauen können) und schließlich sind innerhalb des Modells bestimmte Elemente so entwickelt worden, daß sie auch als theoretisches “Werkzeug” im Rahmen meiner Konzeption nutzbar werden (z. B. die “Hordenbildung” im Stadium V von FAKKEL oder die Kastenbildung in Stadium III; vgl. Clausen 1983).(3)

Eingebunden werden können Georg Simmels Ansätze zu einer Soziologie des Raums, die überdies dahingehend zu überarbeiten wären — was in dieser Studie noch nicht geleistet wird — wie sie sich einer dynamisierten Differenzierungstheorie einfügen lassen. Hierfür wären insbesondere auch Arbeiten Fernand Braudels und anderer Sozialhistoriker und Soziologen (z. B. Giddens, Foucault), die Ansätze zur Raumsoziologie beigetragen haben, mitzuberücksichtigen.

Mit der Verknüpfung von Meads Identitätstheorie und der dynamisierten und partiell von ihrer historischen “Verwurzelung” abgetrennten Differenzierungstheorie sowie der transklassischen Logik soll, über die Bedeutung für die soziologische Theorie des Fremden hinaus, ein Beitrag zur Verbesserung des Mikro-Makro-Links geleistet werden.

Die hier vorgestellte Theoriekonzeption soll auch “Instrumente” der Analyse rezenter gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse bereitstellen, die z. B. Phänomene wie “Gewalt von Kindern”, “Ausländerfeindlichkeit”, aber auch eine allem Fremden und allen Fremden aufgeschlossene Haltung aus der Analyse gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse sozial zumindest ansatzweise prognostizierbar macht.

1. Descartes (1997), Descartes. Ausgewählt und vorgestellt von Stephan Meier-Oeser, Diedrichs, München 1997, hier: 4. Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung (Discours de la méthode, 1635-36). Erster Teil. Betrachtungen über die Wissenschaft, S. 132.

2. “Etablierte und Außenseiter” (Norbert Elias); Eunuchen als “Diener der Macht” im Vorderen Orient; Nationalsozialismus (incl. Teile der wissenschaftlichen Geologie als funktional ausdifferenzierte und vernetzte Gegenstruktur und “Insel” im Dritten Reich); Juden im Mittelalter; die Pest.

3. Weitere Anschlußmöglichkeiten können hier nur angedeutet werden. Dazu gehört der von Volker Bornschier in seinen “Werken Westliche Gesellschaft im Wandel” (1988) und dem weiterentwickelten Folgeband “Westliche Gesellschaft — Aufbau und Wandel” (1998) vorgestellte komplexe Theorieansatz zur Erklärung von Wandlungsprozessen im Rahmen einer soziologisch fundierten Zyklustheorie, die z. B. das Entstehen von funktional orientierten, aber auch von fremdenfeindlichen Bewegungen in dem komplexen dynamisch konzipierten sozialen und zeitlichen Rahmen (der keinerlei schematischen, vielmehr analytischen zeitlichen Phasen folgt) stellt. Innerhalb dieses Rahmens wird partiell auch das Auftreten des Nationalsozialismus erklärbar und kann zu der von mir entwickelten theoretischen Konzeption in Beziehung gesetzt werden.

Auch Franz Borkenaus Analyse der Entwicklung individueller Haltungen in “Anfang und Ende” (1984) kann mit der hier vorgestellten Theorie verbunden werden.

Weitere Anwendungsmöglichkeiten: Griechenland und Rom als Zentren mit beginnender funktionaler Ausdifferenzierung, die sich jedoch aufgrund der antiken Sklavenwirtschaft nicht entfalten konnte; der Strukturwandel der Öffentlichkeit und die Französische Revolution; Juden in Leitungsfunktionen in stratifizierten Gesellschaften der Neuzeit; die Ansiedlung von Hugenotten und anderen Glaubensflüchtlingen in Deutschland, insbesondere in Preußen.

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Last modified: 05.08.2005
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